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Montagmorgentheater

Ich mochte dieses Schauspiel. Es war die nötige Aufmunterung. Eine fantastische Inszenierung, dessen ich teil war. Interaktives Theater.

Die Darsteller saßen oder standen am Rand der Bühne. Überzogene Charaktere. Wunderbar lächerlich. Das machte mir diese Fremden sympathisch, dass sie eine Karikatur waren. Hätte ich sie ernst nehmen müssen, hätte ich das Stück nicht genießen können.
Dann das Signal. Ein donnerndes Rauschen (oder vielleicht ein rauschendes Donnern). Ihre Körper machten sich bereit, in Aktion zu treten. Aufmerksamkeit und gespannte Muskeln. Gleich würde es losgehen, die Aufregung war immer lauter als das Rauschen. Ich zähte runter. Drei, zwei, eins. Action!
Aufstehen. Synchrone Schritte (drei). Der Vorderste drückte den Knopf. Sieben gingen geordnet rein, einer drängelte. Jeder drehte den Kopf nach links uns rechts. Dann das geheime Kommando, sich zu setzen. Die Darsteller verteilten sich im Raum, wendeten sich voneinander ab (wichtig!). Würde man sich ansehen, hätte sicher irgendwer lächeln müssen. Dann hätte man von vorne anfangen müssen. Dieses Stück erlaubte keine Emotionen.
Die Momente, in denen sie und ich hier saßen, waren stets die Gefährlichsten. Jeder musste sich auf seine Rolle konzentrieren. Wer unsicher war, las heimlich noch einmal nach.
Wer in dieser Handlung den Feind spielte, war klar. Von Anfang an. Man erkannte sie, sobald sie die Bühne betraten. Sie brachen die synchrone Choreographie. Und sie traten zu zweit auf, zischelnde Laute von sich gebend. Jene Kontrahenten wollten die Gedanken (die einsamen) der anderen stehlen.
Ich mochte es immer, zu beobachten, wie die einzelnen Figuren darauf reagierten. Die einen bauten hektisch die Festung und bewaffneten sich. Andere versuchten, stand zu halten. Sich nicht brechen zu lassen. Alle würden diesen krieg verlieren. Wie jedes mal.
Auf abgestimmte Signale hin verließen sie in kleinen Gruppen die Bühne. Der Abgang war genauso synchron wir ihr Auftritt. Schritte (zwei), kurzes Harren, Knopfdruck. Dann verschwanden sie hinter dem Vorhang. Die Bühne leerte sich. Langsam.
Als der Ausgang des Schauspiels auch für unerfahrene Zuschauer immer längst offensichtlich war, kam schließlich mein Abgang:
An Haltestelle 13 verließ auch ich das Montagmorgentheater.
Und mit dem gleichen rauschenden Donnern (oder vielleicht donnernden Rauschen), dass den Beginn des Stückes ankündigte, wurde ich wieder in die Realität geworfen.

(Bis zur nächsten Aufführung, Kollegen!)

Übung

Eine Woche lang versuchen,

  • auf der Straße nicht zu denken ‘Da kommt ein Auto!’,  sondern ‘Da kommen Menschen in einem Auto!’.
  • sich die verbitterte, meckernde Oma an der Haltestelle als verliebte 20-Jährige vorstellen.
  • nicht der Straßenbahn hinterherzurennen, wenn die nächste in 10 Minuten kommt.
  • die Unterschichtenmutter, die auf der Straße ihren 2-Jährigen anschreit, als genauso wertvoll wie sich selbst zu erachten.
  • mindestens einmal am Tag jemandem ohne speziellen Anlass  zu sagen, was man an ihm schätzt.
  • dem schnorrenden Punk einen Orangensaft zu kaufen.
  • täglich etwas Neues zu lernen.
  • einmal mit dem Kollegen/Mitschüler, den aus guten(?) Gründen niemand leiden kann, für mindestens eine Stunde privat Gemeinschat zu pflegen.
  • einmal täglich herzhaft zu lachen. Wenn es gar nicht anders machbar ist, künstlich.
  • keine „Angst“ vor Regen zu haben.
  • nicht zu versuchen, so individuell und besonders wie möglich zu sein.
  • sich zu überlegen, was für Talente die nervige Tusse hat, die im gleichen Hauseingang wohnt.
  • ein Gedicht auswendig zu lernen.
  • täglich kurz innehalten, um an einer Blume zu riechen.
  • sich mindestens einmal und nicht öfter als 2 mal richtig herauszuputzen.
  • sich mit dem Straßenmusiker zu unterhalten, um herauszufinden, aus welchem Land er kommt und warum er in Deutschland ausgerechnet Straßenmusik macht.
  • täglich mindestens 20 Minuten lang allein draußen zu sitzen und rein gar nichts zu tun, außer dem Fluss oder den Vögel zuzuhören.
  • täglich vor dem Schlafengehen mindestens 5 Dinge aufzuzählen, für die man dankbar sein kann.

Nicht mehr als 3 Punkte pro Woche probieren. Die Dinge, die einem besonders schwer fallen, um eine Woche verlängern. Nirgends mit der Übung prahlen. Eventuell Tagebuch darüber führen. Liste beliebig mit Dingen weiterführen, die nicht dazu dienen, von anderen Menschen Anerkennung zu erhaschen oder sich materiell zu bereichern.

Mir gerne davon berichten, wie es euch damit ging.

Übermüdung

Es scheint,
dass das Auruhen
nicht nachzuholen ist
und ich nun
für immer
balanciere auf der schmalen Linie
.wolkentief.
zwischen Träumerei
und Realität
.asphalthoch.

Nur
Nicht das Gleichgewicht verlieren.

Mittelschicht, Ich?

Schutzschicht.
Nutzschicht.
Schmutzschicht.
Schlechte Sicht,
Mittelschicht
-Komma- Ich.
Mittelschicht,
Gesellschaftspflicht.
Kapierichnicht.
Verlierdichnicht
im Schichtdickicht.

Fightclub

Vorbemerkungen:
Wer den Film nicht gesehen hat, ist dumm.
Der folgende Text gibt nicht die Handlung
des Films wieder, sondern könnte eher eine
erdachte Parallelhandlung irgendeines
unwichtigen Mitglieds des Fightclubs sein.
Eventuell ist alles eine komische Metapher
für irgendwas. Eventuell ist es nur ein
langweiliger Text über ein Fightclubmitglied.

Erstens: Ihr verliert kein Wort über den Fightclub.

Zweitens:  Ihr verliert kein Wort über den Fightclub.

Deshalb bist du hier. Damit du keine Worte verlieren musst. Es ist unnötig, darüber zu reden, man sieht es. Die aufgeplatzten Lippen, das blaue Auge, das Blut unter den Fingernägeln. Dafür machst du das. Wenn man so aussieht, kann dir keiner mehr vorwerfen, du würdest keinen an dich ranlassen. Du hast die Beweise, dass du es tust. Die Wunden sind so offensichtlich, dass keiner mehr wagen würde, es anzuzweifeln. Und wenn du es selbst tust, stellst du dich vor den Spiegel und siehst dir dein geschundenes Ich an. Blau, Grün, Rot. Niemand ist so schön wie du. Gelb, Lila. Bevor die Flecken verschwinden, sind neue da.  Schwarz. Deshalb fängst du irgendwann an, Buch zu führen. Keine Wunde soll dir abhanden kommen. Nur die wirklichen Narben sind dir treu. Der Rest verflüchtigt sich. Wie alles. Wie alle.

Dienstag, 27. Mai:
Zweimal gekämpft. Riesiges Hämatom am Rumpf. Schmerzt stark, wenn ich länger stehen muss, eventuell echte Prellung. Wird aber vermutlich schnell abheilen.
Sonntag, 9. Juni:
Kompletter Unterarm aufgerissen. YAY! Bin auf dem Boden langezogen worden. Kampf aber gewonnen.
Montag, 13. August:
Hab mit diesem blonden Bodybuildertypen gerungen. Ist stark, aber langsam.
Linkes Auge komplett zugeschwollen. Rechter Mittelfinger evtl.
angebrochen, diversere kleinere Hämatome.
Donnerstag, 6.November:
Das Schwein hat gebissen. ALTER, wie ein Tier!! Linkes Ohr fast ab, wurde im Krankenhaus genäht. Geile Scheiße!

Wenn du dich einsam fühlst, kannst du nachlesen, wie nah dir alle kommen. Dann geht es dir besser. An ruhigen Tagen kannst du dich zurückziehen und deine Wunden pflegen. An den ganz schlimmen machst du Fightclub. So läuft das. Immer. Manchmal reicht ein Fightclub pro Woche, manchmal brauchst du vier/ fünf  Mal. Je nachdem, wie groß deine Wunden sind, je nachdem wie sehr es schmerzt. Je nachdem, wie sehr du das Leben gerade spüren musst.
„Tja, das Leben ist hart!“, das haben sie dir damals immer gesagt, wenn etwas nicht so lief, wie du wolltest. Als Vierjähriger hast du einmal trotzig „Aber manchmal ist es auch weich!“ geantwortet, erzählen sie. Dummes, kleines Kind. Das Leben ist eine Faust in deinem Gesicht, ein harter Schlag auf die Brust. Wenn du das Leben wirklich spürst, dann bleibt dir die Luft weg. Wenn du merkst, dass du existierst, dann weil dir alles weh tut. Wenn du sehen willst, dass du etwas kannst, dann legst du denjenigen auf’s Kreuz, der es wagt, sich dir in den Weg zu stellen. Oder du verweigerst es, zum Arzt zu gehen. Das heilt allein, dein Körper kriegt das hin!

Montag, 11. Januar:
Wollt heute einen Neuen zum kämpfen auffordern. Wer neu ist, muss kämpfen. Aber er meinte, er sei schon immer da. Hab ihn noch nie fighten sehen. Dann wieder mit dem Bodybuilder (Michael), wie erwartet gewonnen. Nur aufgeplatzte Lippe und alles n bisschen dick. Fuck.

An den Tagen, an denen du ungewünscht davonkommst, gehst du nochmal raus. Wenn man etwas zerschlägt -oder nein, ihm eine neue Form gibt- kann man seine Kraft auch sehen. Aber nicht spüren. Deshalb ist es nicht so gut, aber es ist immerhin eine Ersatzdroge. Für den Moment.

Mittwoch, 13. Januar:
Der Typ vom letzten Mal war wieder da. Hab ihn zum Kampf mit mir gezwungen. Glotzen ist nicht. Lagen am Ende beide blutüberströmt am Boden. Hab abklopfen müssen! Das erste mal. Alle haben gestarrt. Musste ins Krankenhaus. Nase gebrochen, Gehirnerschütterung. Spucke ständig Blut.

Irgendwann findest du deinen perfekten Gegner. Es gibt für jeden einen. Wenn du einmal gegen ihn gekämpft hast, willst du nie wieder was anderes. Jemand, der dir ebenbürtig ist. So jemandem willst du die Faust so in den Magen rammen, dass sie cartoonmäßig am Rücken wieder rauskommt. Wenn dir ein Gegner so ebenbürtig ist, dann kennst du auch seine Schwachstellen. Sie sind wie deine. Du kannst treffen, zielsicher. Du kannst getroffen werden. Es wirkt. Du kannst nicht mehr genug bekommen. Du wartest nicht mehr, bis du die alten Wunden kaum noch spürst. Jemand kommt so nah an dich ran wie noch niemand zuvor. Du musst ihn festhalten. Fest schlagen.

Samstag, 16. Januar:
Wieder Kampf mit Jonathan (der Neue). Diesmal nicht abgeklopft. Mir lief Blut in die Augen, konnte nicht mehr sehen, wie ich ihn zugerichtet hatte. Aufgeplatze Stirn, mir ist permanent schwindelig und übel. YAY!
Mittwoch, 20. Januar:

Jonathan war heute nicht da, habe ich zu fest geschlagen?
insgesamt ganze 3 Kämpfe, alle langweilig, nur Hämatome und ein verstauchtes Handgelenk (links)

Perfekte Gegner verschwinden nicht einfach. Sie kommen wieder, egal, wie fest du schlägst. Genau wie du immer wieder kommst. Genau wie die Angst immer wieder kommt, dieses Mal zu hart gewesen zu sein. Und dann schlägst du dich in absoluter Regelmäßigkeit mit der gleichen Person. Du liebst die Kämpfe. Vielleicht auch den Gegner. Alles ist wie ein guter Trip, ohne Angst vor  Horror. Weil der Horror das Ziel ist. Alles wird zur Routine. Einmal in der Woche reicht jetzt meistens, die Wunden sind groß genug. Es wird zu dem Ritual, dass die Sicherheit gibt. Du gehst hin. Er ist da. Du ziehst ihn aus der Menge. Ihr kämpft. Ihr seid verletzt. Du gehst hin. Er ist da. Du ziehst ihn aus der Menge. Ihr kämpft. Ihr seid verletzt. Du gehst hin. Er ist da. Du ziehst ihn aus der Menge … Anders darf es nicht sein. Er darf nicht die Initiative ergreifen, das wäre falsch. Du weißt nicht warum, aber so ist es.

Samstag, 4. März:
Hat mir den Arm ausgekugelt. Habe ihm evtl den Unterkiefer gebrochen. Verstehe nicht, warum ich seinen Schlägen nicht ausweichen kann wie bei anderen.
Samstag, 11. März:
J.’s Kiefer scheint ok. Meine Schulter schmerzt noch extrem. Habe abklopfen müssen. FUCK!!!!
Nur 2 Hämatome an der Hüfte und Lippe n bisschen dick. Habe gefragt, warum ich seinen Schlägen nicht ausweichen kann, er meinte, er würde mich nie schlagen. wtf?!

Irgendwann beginnst du, an deinem Gegner zu zweifeln. Irgendwas stimmt nicht. Du hasst dich für diese Gedanken. Du hasst ihn für diesen Gedanken. Er ist so etwas wie deine love affair. Wie kannst du ihn so verraten?! Aber du beginnst, ihn zu beobachten. Du verrennst dich in Theorien. Alles passt nicht mehr zusammen. Du musst es wissen. Du wirst der Feind deines geliebten Feindes.

Freitag, 31. März:
Ich kann seinen verfickten Schlägen nicht ausweichen. Warum nicht?
Knie beim Kampf tief aufgeschlagen, kann fast bis auf die Kniescheibe sehen, rechtes Auge zugeschwollen. Diverse Abschürfungen und Hämatome.
Freitag, 7. März:
Ich will ihn besiegen. Er war heute nicht da, keine Lust, mit den anderen zu kämpfen, langweilig!
Donnerstag, 13. März:
Wo ist dieser Fucker?! Fast alle Wunden verheilt, S C H E I ß E!

Ohne Kampf hälst du es nicht aus, du brauchst deinen Gegner. Aber keiner ist Gegner genug. Niemand kann dir das geben, was du brauchst. Die Farben verschwinden. Kein Blau, kein Grün, kein Rot. Warst du diesesmal doch zu hart? Kein Gelb, kein Lila. Diesesmal doch zu hart? Kein Schwarz. Zu hart?
Die treuen Narben fragen dich, warum du ihn ausspionieren wolltest.
Du hast alles kaputt gemacht! Du hast ihm nicht vertraut. Du hast alles kaputt gemacht! Ihr hättet drüber reden können. Du hast alles kaputt gemacht! Warum hast du ihn nicht einfach  gefragt? Du hast alles kaputt gemacht! Ihr wart doch immer so glücklich miteinander. Du hast alles kaputt gemacht! Das mit dir und ihm hätte doch immer so weitergehn können. Du hast alles kaputt gemacht! Du hast alles kaputt gemacht! Du hast alles kaputt gemacht!

Donnerstag, 20. März:
Warum bitte macht dieser dreckige Mutterficker alles kaputt ?

Du willst nicht mehr kämpfen. Nicht mit denen. Aber du hälst es nicht aus, dass dich die Menschen auf der Straße für einen von ihnen halten. Du bist nicht wie sie, du willst nicht wie sie sein. Du bist viel verlorener als sie alle zusammen. Viel kaputter. Viel einsamer. Viel stärker.
Du musst etwas tun. Man soll wieder sehen können, dass du die Menschen an dich heran lässt. Wenn die Wunden offensichtlich sind, kann keiner mehr wagen, das anzuzweifeln.

 

Nachbemerkung:
Vielleicht wird der Text fortgesetzt. Vermutlich nicht!
Flattr habe ich weiterhin nicht. Weil mein Nerdtum
eher so bei minus dreiunzwanzig liegt und ich sowas
also nicht kann, nichtmal mit Erklärung.
Pech für die Kuh Elsa!
Außerdem bin ich eine Attentionwhore und will endlich
mal wieder, dass ihr mir in den Kommentaren sagt,
wie geil ich bin. Das ist auch besser als die Eineurofuffzich,
die ich mit flattr Schulden machen würde.
Recht herzlichen Dank.


Großsein

Es ist einer dieser Abende, die zum Großsein bestimmt sind, denkst du.

Zum Rock’n'Roll.
Zum Lachen.
Zum Weinen.
Zum Philosophieren mit
einem
wertvollen Menschen.
Zum Sinnkrisen in Rotwein ertränken.
Zum Wachbleiben.
Zum Verbotene-Dinge-Tun.

Ein Abend, um eine Revolution zu starten.
Die Welt auf den Kopf stellen.
Oder wenigstens dich selbst
und dabei
keine Angst zu haben, weil du an keiner Wand die Füße abstützen kannst.

Ein Abend, an dem du ein Held sein kannst.
An dem du verfickt gut aussiehst
und
ALLES
möglich ist.

Barfuß auf einem Dachfirst balancieren. Graffitis an das älteste Gebäude der Stadt sprühen. Alle Käfigtüren im Tierheim aufbrechen. Bis ans Ende der Welt tanzen. In einem Autokino sitzen und wildfremde Menschen knutschen. Einem Millionenpublikum einen Vortrag halten, was für ein erbärmliches Leben sie führen, ohne über dein eigenes nachdenken zu müssen. Ein verdammt gutes Lied schreiben. Dein eigenes Festival aufziehen. Sich für die gute Sache zu kloppen, bis du Blut spuckst und dein Gesicht heiß anschwillt. Aufgeben dürfen und in den Arm genommen werden, eine ganze Nacht lang.  Mit den Füßen durch die Elbe waten und in einen Sternenhimmel sehen. Autos knacken und irgendwo hinfahren, wo du noch nie gewesen bist. Oder einfach immer nur weiter weg, ohne Ziel. Mit dem besten Menschen durchbrennen und nie mehr zurückkommen. In die pechschwarze Nacht schreien, bis die Stimme versagt und der Schmerz in dir schweigt.
Deine Grenzen überschreiten, erweitern, verwischen.
Auf  jeden Fall: Sich selbst spüren.
Jedes einzelne Atom einmal
vom Leben streicheln lassen.

Aber

nichts passiert.
als ob der große Abend
zu einem jämmerlichen Knäuel gebündelt wurde.
Die Fesseln schneiden in sein Fleisch.
UNFALLOPFER!!!
Bewegungslos.
Starr.
Hässlich.
Abartig.
Ein Bündel Elend.
Ein unförmiger Klumpen.

Und du siehst der beginnenden Nacht, die doch so groß sein wollte, dabei zu,
wie sie an sich selbst zugrunde geht
und fragst dich,
wie man eigentlich Tränen malt.

Ballonkleid

Das Modemädchen stand vor dem Spiegel. Drehte sich, wippte auf und ab, streckte und beugte sich und beobachtete, wie sein neues Ballonkleid mit den Bewegungen mitging. Wenn es jetzt doch nur einen Typen mit genug heißer Luft hinter schöner Awsomeness fände, kämen sie bestimmt zusammen in den Himmel.

Mutschekiepchen

Lebensabschnitte, das ist ja, wenn die scharfe Klinge der Zeit auf dein Leben zurast und es in viel zu kleine Stücke zersägt, dachte sie.
Wenn das abgetrennte Teil dann auf den Boden fällt und vom immer zu harten Aufprall einen kleinen, aber ungemein hässlichen Knacks bekommt. Wenn du nicht weißt, ob du zuerst die schmerzende Wunde am restlichen Lebenslaib lecken oder die gefallene Scheibe aufheben und irgendwie, IRGENDWIE haltbar machen sollst. Und wenn du dich dann am liebsten dafür entscheiden würdest, den großen Laib wegzuschmeißen, um dich voll und ganz und für mindestens immer nur noch um diese eine Scheibe zu kümmern.
Lebensabschnitte, das bedeutet doch, dass all das, was du liebst, brutal von dir getrennt wird. Dass der Schmerz darüber so groß ist, dass er dich nicht einmal mehr richtig schreien lässt. Dass ein Teil von dir einfach weggestutzt wird, ersatzlos, weil keine Protese passt. Und dass dann die Wunde einfach nicht zuheilen kann und dein Herzblut in Strömen ins Leere fließt. Dass du dich dann nicht normal weiterbewegen kannst, weil du nicht damit klarkommst, dass die dieser eine Teil fehlt und dann krauchst du nur noch vor dich hin und alle starren dich an. Das bedeutet, dass du nichts mehr tun kannst, ohne dich daran zu erinnern, wie es war, als du noch vollständig warst.

Und ihre Frage, wer sich denn bitte einen solchen Bullshit ausdenkt, stand für ein paar einsame Sekunden beklemmend im Raum. Niemand konnte sagen, ob das Blitzen in ihren Augen aus der wütenden Entschlossenheit rührte, sich an der Welt zu rächen oder ob es schlichtweg Tränen waren. Selbst die Zeit schien für den Moment den Atem anzuhalten.
Für jeden hier wäre es angenehmer gewesen, ihre sowieso schon zur Faust geballte Hand in die Magengrube gerammt zu bekommen als dieses plärrende Schweigen zu ertragen.
Und dann nahm er sie in seine sicheren Arme und seine warme Stimme drang tiefer in sie ein, als jede unbarmherzige Säge es je gekonnt hätte.
Mein liebes Kind. Lebensabschnitte bedeutet, dass von dem nutzlosen Balken der Zeit, die du auf der Erde verbringst, kleine, bedeutsame Teile abgetrennt werden, um daraus eine wunderschöne Skulptur zu bauen, bei der jeder stehenbleibt, um sie zu betrachten und danach ein wenig glücklicher weiterzuziehen.

Das Zimmer

Es sah nicht gerade aufgeräumt aus hier. Sicherlich, es war gefegt worden und man fand weder dreckige Wäsche noch benutztes Geschirr in diesem Raum. Sonst schien alles nach der Benutzung einfach an Ort und Stelle liegengelassen.
Die schlauen Bücher lagen verteilt auf dem Schreibtisch, eines dieser Reclam-Heftchen war noch aufgeschlagen. Auf dem Bett war das ganze Zeichenzeug verstreut, mehrere Blöcke, drei von ihnen mit älteren Skizzen. Ein paar Fotos lagen herum, mehrere Plattenhüllen lagen auf dem Spieler. Kopfhörer hingen über der Stuhllehne. Die Pinnwand hing voller wichtiger Notizen, schlauer Zitate und lustigen Erinnerungen. Das Klavier war aufgeklappt und auf dem Notenständer fanden sich etliche lose Zettel mit kompliziert wirkenden Stücken. Zwei getrocknete Rosen hingen kopfüber an der Schranktür.  Ein Anti-Nazi-Banner stand zusammengerollt in der Ecke. Auf dem Computer-Monitor waren mehrere Internetfenster geöffnet, eines mit den aktuellen Nachichten, ein anderes zeigte eine youtube-Playlist mit Gitarrenmusik. Ein Notizbuch, in welches ein paar besonders schöne Fomulierungen und wenige Textentwürfe gekritzelt waren, lag aufgeklappt auf dem Stuhl.
Sicherlich wohnte hier ein sehr interessanter Mensch, leidenschaftlich irgendwie, vielleicht ein Künstler.
Sie war zufrieden.
Und dann kam er einfach nicht.

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